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Pro Onsernone

Die Anfänge der Pro Onsernone: Gemeinsame Vision, vereinte Aktion

Die mehr als hundertjährige Geschichte der Pro Onsernone begann am 6. Januar 1903 in einem Saal des Hotels Central in Russo mit der Annahme der Gründungstatuten durch die 63 anwesenden Mitglieder. Die Gründungsversammlung schuf nach intensiven Vorbereitungsarbeiten eine institutionalisierte Plattform zur Förderung all dessen, was zur Entwicklung, zum Fortschritt und zur Wohlfahrt des Onsernone beitragen konnte.
Mit der Gründung der Pro Onsernone wurden Ideen Wirklichkeit, konnten Projekte realisiert werden, die bereits ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diskutiert und erprobt wurden.

Remigio Chiesa (1832 – 1909) war einer der ersten, der bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Notwendigkeit erkannte, die Gräben zu überwinden und sich gemeinsam für die Entwicklung des Onsernone einzusetzen. In seinen unzähligen Schriften erscheint er als Zeuge einer ausserordentlich schwierigen Zeit des Tales - zerrissen und gespalten von mit Hass und Gewalt ausgetragenen politischen und sozialen Konflikten - und als Repräsentant der Befreiung, des Aufbruchs in eine hoffentlich bessere Zukunft. Der „Kulturkampf“, der politische Kampf zwischen Konservativen und Liberalen, war unerbittlich, der aufkommende Kapitalismus, repräsentiert durch die „Strohbarone“, erzeugte soziale Ungerechtigkeiten und entsprechende soziale Konflikte. Der Niedergang der Strohindustrie, während Jahrhunderten von grösster Bedeutung für die Existenzsicherung der Onsernonesi, führte zur Verarmung und Verelendung grosser Teile der Bevölkerung. Für Viele war Emigration der einzige Ausweg. Die Dörfer entvölkerten sich zunehmend und unaufhaltsam. In einzelnen Gemeinden war der demografische Aderlass dramatisch, was die Bevölkerungszahlen für die Jahre 1860 – 1900 überdeutlich machen: in Berzona nahm die Einwohnerzahl um 42%, in Russo um 34% ab. In dieser ausserordentlich kritischen Situation liess sich Remigio Chiesa von der Idee leiten, dass nur mit vereinten Kräften die Voraussetzungen für eine bessere Zukunft des Tales, ohne weitere grosse Opfer, geschaffen werden kann. Gegen 1895 bildete er zusammen mit anderen Persönlichkeiten des Tales einen Ausschuss, der die Gründung einer „Gesellschaft“ vorantrieb, die die  gemeinsamen Interessen des Tales vertreten sollte.

Bereits 1866 hatte Chiesa die handlungsleitende Idee  wie folgt formuliert: “In diesen Angelegenheiten, von grösster Bedeutung für die Gegenwart und die Zukunft des ganzen Tales, müssen wir wenigstens vereint sein, müssen wir jedwelche privaten Hassgefühle bei Seite lasse, uns zuhören, gute Ratschläge gegenseitig unterstützen, auch wenn sie von den persönlichen Feinden kommen. Gemeinsam können wir wenigstens das Elend und die nur allzu häufigen finanziellen Probleme von der Talgemeinschaft abwenden. (…) In einer freien, offenen Diskussion, ohne Rücksicht auf Personen, können Ideen und Vorschläge Einzelner geklärt und von ihren Mängeln befreit werden“.
Ein Problem, dessen Lösung bereits in dieser Zeit als dringlich erachtet wurde, war die Entwicklung der Bildungseinrichtungen des Tales. Erziehung und Bildung der neuen Generation galten als unabdingbare Voraussetzungen für den Fortschritt. In diesem Sinne wurden 1875 und 1876 zwei explizit an die Jungen gerichteten Nummern des „Almanacco della giovane Onsernone“ herausgegeben, die den ideellen Kern künftiger Projekte wie folgt formulierten: „Die grösste Geissel der Menschheit, die sie von erhabenen Höhen in die Abgründe der Barbarei stürzt, ist - nach dem Müssiggang - die Unwissenheit. (…) Es ist deshalb unabdingbar, das Volk vor oder während der Erwerbstätigkeit an den schmackhaften Früchten des Wissens teilhaben zu lassen. (…) Es genügt nicht, den weniger Privilegierten dieser Welt die blosse Existenz zu sichern: es sind ihnen vielmehr die geschliffensten Verteidigungswaffen, über die das Arsenal des Wissens verfügt, in die Hand zu geben.“
Es wurden nicht nur Prinzipien postuliert, sondern auch konkrete Formen der materiellen Hilfe entwickelt. Erste gemeinnützige Werke, als Genossenschaften konstituiert, nahmen ihre Aktivität auf, zum Beispiel das „Panificio Sociale Onsernonese“ (Gemeinschaftsbäckerei) und die „Società d’economia domestica“ (Hauswirtschaftsverein). Letztere entstand 1874 in Loco und eröffnete mit Erfolg einen „Genossenschaftsladen“, mit dem „Ziel, den negativen Folgen hoher Nahrungsmittelpreise entgegenzuwirken und den Familien Lebensmittel von bester Qualität zu möglichst günstigen Preisen zur Verfügung zu stellen“.
Diese und andere Erfahrungen solidarischer Hilfe bestärkten nach 1890 die Talgemeinschaft in ihrem Willen, sich aktiv aus der nach wie vor prekären ökonomischen Situation zu befreien. Anstoss und Unterstützung gaben nicht zuletzt die zahlreichen, in der ganzen Welt verstreuten Onsernoneser Emigranten. Neu war, dass sich offene und weitsichtige Persönlichkeiten verschiedenster politischer Lager zusammentaten, um gemeinsam die Voraussetzungen zur Realisierung von Ideen, Initiativen und Projekten zu schaffen. Ziel war es „eine Vereinigung zu gründen, die die Entwicklung des Tales vorantreibt, ein Tal, das einstmals blühte, dicht bevölkert war und durch die Schuld von Menschen und Umständen, einen drastischen Niedergang erlebte“. Nach einem Jahrhundert, geprägt von kruder Interessen- und Machtpolitik in Wildwestmanier, bahnte sich eine Zusammenarbeit zwischen Menschen an, die bisher völlig gegensätzliche ideologische Positionen vertraten. Sie verstanden es, Leidenschaften und Groll so zu zügeln, dass die Suche nach Lösungen für die wesentlichen Probleme des Tales möglich wurde. Einer Schrift von Chiesa entnehmen wir erste Ideen für eine Entwicklungsstrategie: Ausbau der Talstrasse, einerseits um den Gütertransport sicherer und kostengünstiger zu machen, andererseits um den Touristen den Zugang zum Tal zu erleichtern; Verbesserung der allgemeinen Bildung durch eine Zeichenschule und finanzielle Unterstützung von Ausbildungsprogrammen bei Deutschschweizer Firmen und Industrien; Gründung einer glaubwürdigen und potenten Institution zur Beschaffung der notwendigen Mittel.
1895 schrieb ein Komitee, zusammengesetzt aus Remigio Chiesa, Giovanni Nizzola, Lindoro Regolatti, Natale Regolati, Giovanni Buzzini, Giuseppe Remonda, Felice Giannini, Evaristo Garbani Nerini, einen Ideenwettbewerb aus: gesucht waren Konzepte zur Produktivitäts- und Rentabilitätssteigerung der Strohindustrie. Die öffentliche Sammlung von Geldern für diesen Wettbewerb hatte ein grosses Echo, was das Komitee ermutigte, die „Gründungsgesellschaft Pro Onsernone“ ins Leben zu rufen.
Damit waren die Hindernisse aus dem Weg geräumt. Nach verschiedenen Zusammenkünften und einer intensiven Werbekampagne und Unterschriftensammlung, auch bei den Onsernoneser Emigranten jenseits des Ozeans (Kalifornien und Argentinien), fand in Russo am 30. Juli 1902 „auf Grund eines Zirkularschreibens, verbreitet im Namen der Herren Garbani Nerini Evaristo, Gamboni Pietro Giacomo und Carazzetti Emanuele, eine Versammlung von Onsernoneser Bürgern statt, um die Basis zu schaffen für die ‚Pro Onsernone’, die zum Ziel haben soll, alles vorzubereiten, zu unterstützen, zu ermutigen, was beitragen könnte zur Entwicklung, zur Wohlfahrt und zum Fortschritt des Tales. Nach gewalteter Diskussion über die Ziele der Gesellschaft fand die Initiative die einhellige Zustimmung der Anwesenden, die ihre Unterstützung mit Unterschrift bekräftigten.
Der provisorische Vorstand, zusammengesetzt aus RA Garbani Nerini Evaristo, Gamboni Pietro Giacome, RA Giovanni Bezzola, Don Luigi Simona, Dr. Vittorio Spigaglia, Buzzini Basilio, Speziali Pietro, Prof. Natale Regolati, Nottaris Angelo, Chiesa Remigio, Prof. Mella Pietro, wurde beauftragt, die Statuten auszuarbeiten und mittels Zirkularschreiben und Unterschriftenaktionen „alle willigen Bürger in der Heimat und im Ausland“ für den Beitritt zu gewinnen.
So kam es zur Einberufung der auf den 6. Januar 1903 in Russo im Saal des Hotels Central angesetzten Gründungsversammlung. Es waren 63 Mitglieder anwesend, die die Statuten verabschiedeten und die den Gründungsvorstand, zusammengesetzt aus 15 Mitgliedern und 10 Ersatzleuten, ernannten.
Mit der Gründungsversammlung nahm die Pro Onsernone ihre Tätigkeit auf. Sie hat seither die von grossem Gemeinschaftsgeist geprägten statutarischen Ziele mit Konsequenz und starkem Zusammenhalt verfolgt. Vor mehr als 100 Jahren wurde eine der ersten zivilgesellschaftlichen Institutionen gegründet, die die Interessen einer ganzen Region vertrat und sich einsetzte für den Fortschritt und die Entwicklung, jenseits von ideologischen Differenzen, kleinlichen Partikularismen und lokalen Schwächen. Sie stimulierte das ökonomische Wachstum und die gesellschaftliche Entwicklung der gesamten Onsernoneser Talgemeinschaft.
In diesem Sinne können wir die Gründung der Pro Onsernonese im damaligen politischen und sozialen Kontext des beginnenden 20. Jahrhundert als einen herausragenden und einmaligen Akt bezeichnen.
Die 100jährige Geschichte, in der auch Schwierigkeiten und Mutlosigkeit nicht gefehlt haben, haben aus der Pro Onsernone eine Institution gemacht, auf die das gesamte Tal und seine Bevölkerung Stolz sein kann. Stolz auch, weil es den vielen Persönlichkeiten, die in dieser Zeit in unterschiedlicher Art die „Pro“ geführt haben, gelungen ist, immer wieder neue Initiativen zu lancieren und zu institutionalisieren. Beispiele dafür sind die Voce Onsernonese, das Museo Onsernonese, die Amici di Comologno, die Onsernoneser Trachtengruppe, die verschiedenen Sport- und Freizeitgruppen –  Institutionen, Vereine, Gruppen, die die soziale Idee der Pro Onsernone weitertragen und den Geist der „100 jährige Stammmutter“ weiterzutragen.

Roberto Carazzetti


Die Statuten

Die Statuten der Assoziation "Pro Onsernone"
(28.5.1995 auf italienisch).


Der Vorstand

Luca Dellamora, Präsident
Roberto Carazzetti, Vizepräsident
Ursula Kunz, Sekretärin
Aurelio Schira
Paolo Buzzini
Fabio Mordasini
Gianmario Terribilini


Publikationen:

Gli Stambecchi Del Rosso Di Ribbia


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20 Mai, 2013
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